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Ein traumatisierter Junge auf dem Weg zurück ins Leben
Es sind verwackelte Aufnahmen, Schnappschüsse, aufgenommen in unbeschwerten Momenten. Marawan hütet die wenigen Fotos seiner Eltern wie einen Schatz. Den Vater hat der Zehnjährige nie kennengelernt. Er starb im Darfur-Konflikt noch vor Marawans Geburt. Ohne ihn aufzuwachsen, das war für den Jungen nie leicht, doch er kannte nichts anderes. Marawan hatte seine Mutter und die große Schwester, er hatte seine Tante, den Onkel, drei Cousinen und die Großmutter. Alle unter einem Dach. Doch als plötzlich die Mutter schwer erkrankte, verlor der Junge sein Gleichgewicht.
„Meine Schwester klagte über starke Rückenschmerzen“, erinnert sich Marawans Tante Somia. „Sie konnte sich nicht mehr ohne Hilfe bewegen.“ Viele Monate änderte sich an diesem Zustand nichts. „Die Ärzte fanden keine Ursache, Medikamente halfen nicht. Sie litt sehr und starb zu Hause.“
Mehr als ein Jahr ist das her. Marawan wollte den Verlust lange nicht wahrhaben. Somia erzählt: „Mein Neffe hing sehr an seiner Mutter. Die beiden hatten eine besondere Verbindung. Als sie starb, wurde er ganz ruhig und hörte er auf zu sprechen. Dann weinte er fünf Tage, ohne aufzuhören, und fing an ‚Mama‘ auf Wände und Regale zu schreiben.“
Somia gibt sich große Mühe, damit der traumatisierte Junge wieder zurück ins Leben findet. „Für mich und meinen Mann war klar: Wir haben jetzt fünf Kinder.“ Sie lacht. „Ich bin die Mutter des Hauses. Ich bin verantwortlich für alle Kinder. Ich halte Haus und Hof sauber. Ich mache Essen. Ich helfe bei den Schulaufgaben.“
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In Somias warmherzigem Lachen steckt auch ein Schulterzucken. Was bleibt ihr übrig? Ihre Arbeit als Lehrerin musste sie aufgeben, um erst die schwerkranke Schwester und heute die blinde Großmutter zu pflegen. Die ganze Familie lebt seitdem allein von dem, was Marawans Onkel mit dem Handel von gebrauchten Möbeln verdient.
Marawan hört den Erzählungen seiner Tante aufmerksam zu. Etwas steif steht er da, in fleckenlosem Poloshirt und ordentlicher Stoffhose. Er lächelt zaghaft, und spricht noch weniger. Viel gibt er nicht von sich preis: Er spielt gerne Fußball, hätte gerne einen Hasen. Manchmal fürchte er sich in der Nacht. Und wenn er groß ist, möchte er Apotheker werden. Das Zeug dazu habe er, findet Somia. Sie klingt stolz und besorgt zugleich: „Marawan ist ein schlauer Junge mit einem starken Willen. Nach dem Tod seiner Mutter weigerte er sich zu lernen. Es hat lange gedauert, bis er zugelassen hat, dass sein Onkel ihm dabei hilft.“ Somia nimmt Marawans Hand. „Gott allein weiß, was die Zukunft bringt. Aber ich hoffe sehr, Marawan wird erfolgreich sein und ein glückliches Leben führen können.“

