16.05.2017 |

„Der Verzicht auf Essen und Trinken ist nur die Vorbereitung für etwas Größeres“

Über die Bedeutung des Fastenmonats Ramadan und dessen Besonderheiten sprachen wir mit Dr. Kerim Edipoğlu. Er studierte Übersetzungswissenschaft, Islamkunde, Soziologie und Allgemeine Religionswissenschaft an den Universitäten Germersheim und Tübingen und ist Dozent an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA) Wien, Österreich. Dr. Kerim Edipoğlu ist in Deutschland insbesondere bekannt als Dozent beim Islamologischen Institut, den Seminaren von Streben nach Wissen e.V. oder durch die Webinare bei Kauthar.de.

Was ist der Sinn des Fastens aus islamischer Sicht? Warum fasten wir Muslime?

Der Sinn des Fastens – dazu heißt es im Quran in der zweiten Sure. „O ihr, die ihr Iman habt, das Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denjenigen vorgeschrieben war, die vor euch waren, auf dass ihr Taqwa erlangen möget.“

Das Wort Taqwa wird hier oft mit Gottesfurcht übersetzt, obwohl das nicht so passend ist. Es bedeutet eher etwas mit Schutz. So heißt es auch an einer anderen Stelle im Quran: „Das Kleid der Taqwa“, „das Gewand der Taqwa“.
Denn mit diesem Schutz hat man sich von Gefährlichem und Schändlichem ferngehalten.

Wie läuft das jetzt genau beim Fasten?

Wenn man sich von Essen und Trinken fernhält, hat man sich ja nicht vor Verbotenem oder etwas Schlechtem geschützt. In einem berühmten Hadith des Propheten, Friede und Segen auf ihm, heißt es hierzu:

„Wenn sich jemand nicht der Falschheit in Wort und Tat enthält, dann liegt Allah nichts daran, dass er sich des Essens und Trinkens enthält.“

Also ist der Verzicht auf Essen und Trinken nur die Vorbereitung für etwas Größeres: Nämlich in Wort und Tat ehrlich zu werden. Es gibt hierzu noch eine aufschlussreiche Stelle in der Sure Al-Mudschadila, der 58. Sure. Da geht es indirekt um einen Prophetengefährten namens ‘Aus ibn As-Samit. Dieser ‘Aus ibn As-Samit war eines Tages wütend, er geriet in Streit mit seiner Frau, konnte sich nicht kontrollieren und sprach dann eine unislamische Trennungsformel aus. Das bereute er. Gleichzeitig aber wollte er an seinem Versprechen, seinem sogenannten Versprechen festhalten und traute sich auch nicht, zum Propheten zu gehen, um nach einer Lösung zu fragen. Es war dann seine Frau Khaula, die sich beim Propheten für ihn und für die Ehe einsetzte. Und daraufhin wurde der Anfang der Sure offenbart. ‘Aus ibn As-Samit wurden jetzt mehrere Möglichkeiten gegeben, das wiedergutzumachen und eine Sühne zu leisten. Ein ununterbrochenes zweimonatiges Fasten war auch eine dieser Optionen. Hier sieht man wieder das Gleiche – es geht um die Schutzfunktion des Fastens.

Wir haben hier oben gesehen, dass man beim Fasten eigentlich aufgerufen ist, stärker auf seine Zunge zu achten, weil man weiß: Es kann ja nicht nur um den Verzicht von Essen und Trinken gehen. Und wer über seine Zunge nachdenkt und über das Übel, was daraus resultiert, wenn die Menschen falsche Worte äußern, der wird hoffentlich bewusster sprechen und leben. Wenn wir nun im sozialen Leben auf unsere Zunge achten würden, so hätten wir eine andere Welt, und wir wissen alle, dass oftmals Schweigen mehr wert wäre als gefährliche Worte. Ist es aber nicht auch so, dass es uns gerade im Ramadan durch den Verzicht auf Essen und Trinken oft schwerer fällt, unsere Zunge zu kontrollieren? Dass wir eher in der Gefahr sind, unseren Gefühlen und unserer Zunge freien Lauf zu lassen? Also sollte man sich besonders dann dazu erziehen, diese Zunge zu kontrollieren.

Wie haben die Gefährten des Propheten, Friede und Segen auf ihm, und die ersten Generationen der Muslime den Ramadan begangen?

Der Prophet, Friede und Segen auf ihm, hat die Leute in seiner Umgebung nicht mit einer umfassenden Liste von Vorschriften überzogen, sondern er hat sie vielmehr durch sein Handeln zum Nachdenken gebracht, sodass es unter den Sahaba auch keine absolut einheitliche Weise gegeben hat, den Ramadan zu verbringen. Aber eines dürfte klar sein: Was die Gefährten nicht gemacht haben, ist, sich besondere Speisen ausdenken oder ein besonderes Unterhaltungsprogramm für die Abende des Ramadan, wie man das in den späteren Jahrhunderten gemacht hat. Der Ramadan kann kein Monat des Verzichts sein, wenn man am Abend alles nachholt, was man tagsüber versäumt hat. Stattdessen haben sich die Gefährten des Propheten mit dem Quran beschäftigt, mit dessen Lesung und mit dem tiefen Nachdenken darüber. Gleichzeitig können wir nicht den Leuten vorschreiben, dies nur auf eine bestimmte Weise auszuführen. Zum Beispiel unbedingt einmal im Monat den gesamten Quran zu lesen, auch wenn das wünschenswert ist.

Wie kann man den Ramadan in den (west-)europäischen Ländern am besten nutzen, auch wenn wir hier in einer mehrheitlich nichtmuslimischen Umgebung leben? Empfinden Sie dies eher als Hindernis oder als Chance?

Viele klagen darüber, dass man in den europäischen Ländern den Ramadan nicht so erleben könne wie in den muslimischen Ländern oder dem Heimatland. Doch was vermissen die Leute eigentlich? In allen Ländern gibt es leichte und schwere Aspekte davon, den Islam zu leben. Aber oft sehen wir, dass in den muslimischen Ländern das Fasten so verbreitet ist, dass viele gar nicht darüber nachdenken, was sie da wirklich tun. Dann gibt es soziale Zwänge, Einladungen, wo man auch nicht immer auf die passende Mäßigung achtet. Gleichzeitig kann man sich all dieser Einladungen gar nicht erwehren, sodass sich viele Muslime wünschen, den Ramadan doch eher in Zurückgezogenheit und Ruhe verbringen zu können. Und diese Chance, die haben wir.

Haben Sie konkrete Tipps und Empfehlungen für den Ramadan, die Sie gern weitergeben würden?

Das wichtigste im Ramadan ist es, dass man bewusst handelt. Die Grundregel lautet, dass man nach dem Iftar nicht als erstes etwas isst, sondern erst den Durst stillt. Wenn dieser gestillt ist, dann ist auch ein großer Teil des Heißhungers weg. Und ganz wichtig: Warten. In manchen islamischen Ländern ist das auch eine sehr schöne Tradition. Die Menschen trinken etwas Heißes zum Iftar, essen dann eine Kleinigkeit und verrichten ihr Maghreb-Gebet. Oder erst ihr Maghrib-Gebet und dann essen sie eine Kleinigkeit, dann lassen sie sich Zeit, gehen zum Tarawih-Gebet. Und wenn man dann zurückkommt: Man will gar nichts mehr essen. Man will nur eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Größere Portionen wird der Körper gar nicht mehr verlangen.

Das wichtigste ist eben, dass man im Ramadan den Zugang zum Quran findet. Das geschieht aber nicht auf Knopfdruck. Oftmals klagen die Leute, dass sie noch gar nicht im Ramadan angekommen sind, wenn der Monat sich schon wieder seinem Ende zuneigt. Das liegt eben an der mangelnden eigenen Vorbereitung. Denn in gewisser Weise ist der Ramadan auch ein Gradmesser des eigenen Iman. Wenn du es schaffst, in diesem Ramadan in Ruhe und Würde dein Fasten auszuführen, dann ist das möglicherweise und hoffentlich ein gutes Zeichen, dass es gerade um deinen Iman gut bestellt ist.

Bemühen wir uns und hoffen wir, dass der Ramadan in diesem Jahr allen Muslimen zum Segen verhilft. Und dass den Muslimen der gesamten Umma, wo immer sie Hunger, Not und Verfolgung leiden, geholfen wird. Mögen die Muslime wieder solidarischer werden mit ihren Nächsten und auch individuell mit sich ins Reine kommen. Mögen wir uns alle mehr auf die tiefen Fragen des Lebens besinnen: Wozu bin ich hier? Warum hat mir der Schöpfer den Quran geschickt, und wie kann ich diesen am besten verinnerlichen und umsetzen?

Lieber Dr. Edipoğlu, wir danken Ihnen für das Gespräch!