13.06.2018 |

Ein Interview mit dem Landesdirektor Nidal Ali

Nidal Ali, Landesdirektor von Islamic Relief Libanon, war Anfang Juni zu Besuch bei Islamic Relief Deutschland und erzählte einiges über die humanitäre Arbeit in dem Land, das am meisten unter der Flüchtlingsproblematik im Zuge der Syrienkrise leidet.

 

Lieber Nidal, was ist das Anliegen Ihres Besuchs in Deutschland?

Der Anlass meines Besuchs in Deutschland ist es, an dem Ramadan-Spendendinner, welches von Islamic Relief Deutschland organisiert wird, als Redner teilzunehmen. Da ich also für ein paar Tage hier bin, war ich auch daran interessiert, andere internationale NGOs in Bonn zu besuchen, um ihnen die Lage im Libanon zu präsentieren und mit ihnen mögliche Wege der Kooperation zu erörtern.

 

Wie ist die gegenwärtige humanitäre Lage im Libanon? Welche Sektoren benötigen humanitäre Hilfe?

Der Libanon ist eines der drei Länder, das am stärksten von der Syrienkrise betroffen ist. Die Bevölkerungszahl des Landes liegt bei 4,5 Millionen und die Zahl der Flüchtlinge beträgt 1,5 Millionen. Daher sind die Auswirkungen der Krise nicht mit denen in der Türkei oder Jordanien vergleichbar. Der Libanon ist das Land, das am meisten vom direkten Flüchtlingszustrom betroffen ist. Die Türkei ist erheblich größer und in Jordanien wurden die Flüchtlinge in eng begrenzten Bereichen untergebracht, während sie im Libanon über das ganze Land verteilt leben. Die wesentlichste Folge des Flüchtlingszustroms der Syrer auf den Libanon ist der Druck, der dadurch auf die Infrastruktur des Landes ausgeübt wird. Es ist so, als hätte man ein Glas Wasser, dass gerade noch für eine Person ausreicht und dann kommt eine weitere Person, die aus dem selben Glas trinken möchte. Daher ist dieser Druck auf die Infrastruktur – sei es auf Elektrizität, Wasser oder Krankenhäuser, eben alles – enorm. Das ist das Eine.

Zweitens steigen leider die Spannungen zwischen den Menschen des Gastgeberlandes und den Flüchtlingen ebenfalls an. Man war auf die hohe Zahl von Flüchtlingen nicht vorbereitet. Ein Beispiel dazu wäre eines unserer WASH-Projekte [Wasser, Sanitär und Hygiene]. Wir installierten in einem kleinen Dorf einen Brunnen, um dessen Einwohner mit Wasser zu versorgen. Dieses Dorf beherbergt auch zahlreiche syrische Flüchtlinge. Zu dieser Zeit konnten wir die Wirkung des Projektes noch nicht erahnen, aber mit der Zeit realisierten wir, dass dieses WASH-Projekt die Spannungen zwischen den libanesischen Einwohnern und den syrischen Flüchtlingen abschwächte. Warum? Weil alle das gleiche Recht haben, Wasser zu erhalten. So gab es für sie keinen Grund, sich um das Wasser zu streiten. Dies war der Effekt eines WASH-Projekts. Stellen Sie sich nun die Effekte eines Gesundheitsprojekts oder Bildungsprojekts vor. Auch diese werden Spannungen verringern. Dies sind die Hauptherausforderungen für Islamic Relief Libanon bezüglich der Flüchtlingsproblematik.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit Islamic Relief Deutschland auf Projektebene? Was hat das psychosoziale Projekt für Flüchtlingskinder bewirkt?Wünschen Sie sich eine Fortsetzung oder die Förderung weiterer Projekte durch IRD?

Zuerst einmal möchte ich mich bei Islamic Relief Deutschland für die großartige Unterstützung unseres Projekts bedanken. Es hatte einen großen Einfluss auf die Flüchtlingsbevölkerung im Libanon. Wir hoffen darauf, dass die Unterstützung von Islamic Relief Deutschland für psychosoziale Projekte, aber auch für andere, fortgeführt wird. Die Zahl der Begünstigten war sehr hoch und die Schulen haben auch sehr davon profitiert, so wurden diese auch mit begünstigt.

 

Wie wird sich die Lage im Libanon weiterhin entwickeln? Es gibt zahlreiche NGOs im Libanon, doch finden sie nachhaltige Lösungsansätze für die vorhandenen Probleme?

All diese NGOs, auch die internationalen, welche im Libanon arbeiten - wir haben 60 internationale NGOs im Land – stehen vor der Aufgabe, die Spannung zwischen dem Gastgeberland und den Flüchtlingen zu reduzieren. Sie sollen die Regierung dabei unterstützen, den Druck, der auf die Infrastruktur ausgeübt wird, zu verringern. Die Zukunft ist unklar. Manche politische Akteure drängen die Flüchtlinge dazu, in ihre Heimat zurückzukehren, obwohl es laut UN noch nicht sicher ist, zurückzukehren. Daher gehen wir als internationale NGO gemeinsam mit unseren Partnern davon aus, dass die Krise weiter anhalten wird, bevor die Flüchtlinge das Land wieder verlassen können. Das bedeutet, dass wir unsere Arbeit fortführen und wir weitere Unterstützung unserer Partner wie Islamic Relief Deutschland benötigen werden.

 

Also ist es nicht gewünscht, dass sich die Flüchtlinge integrieren?Sie haben keine Bleibeperspektive in Ihrem Land?

Wir als NGO helfen den Flüchtlingen, sich zu integrieren. Wir helfen dabei, die Spannungen zu mindern, doch ist es eine politische Entscheidung, dass die Flüchtlinge das Land wieder verlassen sollen.

 

Das Opferfest steht bald vor der Tür. Wie setzt IR Libanon die Kurban-Verteilung um und welchen Stellenwert hat diese für Bedürftige in Ihrem Land?

Wir freuen uns, dass unsere Partner wie Islamic Relief Deutschland und andere uns beistehen und uns dabei unterstützen, den bedürftigen Libanesen, den syrischen und den palästinensischen Flüchtlingen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine große Wirkung auf die Flüchtlinge hat, wenn sie dieses Geschenk von Islamic Relief erhalten. Unsere Planung sieht vor, dass wir 30 Prozent libanesische Begünstigte, 30 Prozent palästinensische Flüchtlinge und 40 Prozent syrische Flüchtlinge als Empfänger haben. Dies gilt für all unsere Verteilungsaktionen, auch die Verteilung von Winterhilfe-Kits oder Non-Food-Artikeln und anderen Hilfsgütern.

Nidal Ali, Landesdirektor von Islamic Relief Libanon, war Anfang Juni zu Besuch in Deutschland

Nidal Ali stellte die gegenwärtige humanitäre Lage im Libanon vor

Islamic Relief Deutschland unterstützte ein psychosoziales Projekt an Schulen im Südlibanon