Tagebuch aus Gaza29. Januar 2009
Unser Islamic Relief Mitarbeiter Hatim Schurab berichtet uns regelmäßig von der Lage in Gaza.Donnerstag, 12.02.2009 Seit sieben Wochen nahm ich das erste Mal einen Tag frei und verbrachte die meiste Zeit schlafend. Ich nahm mir Zeit und dachte über Gaza und die Menschen hier während des Krieges nach. Ja, die Angriffe sind vorbei, doch die Angst, es könnte weitergehen, bleibt. Nach meiner kurzen Pause ging ich am nächsten Tag wieder an die Arbeit. Ich besuchte eines der psycho-sozialen Seminare, die Islamic Relief mit tausenden Familien und Kindern, deren Häuser komplett zerstört wurden, abhält. Die Kinder malten Blumen, das Meer, Regen und schöne Landschaften. Doch viele Kinder zeichneten auch Kampfflugzeuge, Waffen und zerstörte Häuser. Mit diesen Kindern haben wir noch viel Arbeit vor uns, denn das Erlebte können sie nur schwer verarbeiten. Unsere Psychologen kümmern sich um diese armen Kinder und ich hoffe, es hilft ihnen bald. Ich gehöre zu den Glücklichen, denn ich wurde nicht verletzt, verlor keine Angehörigen und mein Haus wurde nicht zerstört. Als Entwicklungshelfer kann ich Menschen helfen. Dieses Tagebuch zu schreiben ermöglicht mir, der Welt das Leiden der Menschen im Gazastreifen mitzuteilen. Dieses Jahr ist das 25-jährige Jubiläum von Islamic Relief Worldwide – 25 Jahre werde ich nun beten, dass Gaza ein Ort wird, wo die Menschen nicht ums Überleben kämpfen müssen sondern ein gutes Leben haben und erfolgreich sein werden. Montag, 02.02.2009 Entwicklungshelfer haben ihre eigenen Geschichten über die Geschehnisse in Gaza zu berichten. Gaza ist auch ihre Heimat und sie müssen ebenfalls den Verlust von Familienangehörigen und die Zerstörung ihrer Häuser verkraften. Dennoch sind sie stark und helfen anderen. Mein Kollege Maali Turk, 33, ist solch ein Entwicklungshelfer. Während der ersten Tage der Angriffe traf ich Maali im Al Shifa Krankenhaus. Er war durcheinander und besorgt. Ich fragte ihn, was geschehen war. Er erzählte mir, dass er in der Leichenhalle nach seinem Bruder suchte. Zu seinem Unglück fand Maali seinen Bruder am Abend unter Trümmern begraben – er war tot. Maali erzählte mir von der 13-jährigen Amira. Sie hatte hohen Blutverlust erlitten, als sie in das Krankenhaus gebracht wurde. Während eines Raketenangriffs auf ihr Haus verlor sie ihren Vater und zwei Brüder. Gott sei Dank fand ihr Nachbar Amira, als er zu seinem Haus zurückkehrte um zu sehen, ob es noch stand. Er brachte sie sofort ins Krankenhaus. Trotz ihrer schweren Verletzungen überlebte sie. Freitag, 30.01.2009 Islamic Relief verteilt die nötigsten Dinge, die die Menschen zum Überleben brauchen – Lebensmittel, Medikamente und Decken. Die Leute sind glücklich, wenn sie die Hilfspakete entgegennehmen, doch wir können ihnen nicht ihre Lieben zurückbringen – ich wünschte, wir könnten. Ich erfuhr heute, dass das Haus von eines unserer Waisen, der 14-jährige Sana, zerstört wurde. Ich spürte ihre Verzweiflung als sie mir ihre Geschichte erzählte. Ich frage mich, welche Gedanken Sana und ihrer Mutter durch den Kopf gehen. Sie haben ihre Liebsten verloren und nun sind sie auch noch obdachlos. Wie können wir sie überzeugen, dass die Zukunft anders wird, und dass sie überhaupt eine Zukunft haben? Das ist eine der größten Herausforderungen im Gazastreifen. Mittwoch, 28.01.2009 Gestern fuhr ich das erste Mal in das Gebiet Samuni im Bezirk Saitun in Gaza-Stadt. Ich hatte von der schweren Zerstörung gehört. Islamic Relief verteilt dort Nahrungsmittel, Decken und Hygieneartikel. Der Gestank war fürchterlich. Es roch nach faulendem Holz, Sand, Blut und Aas. Hier traf ich den siebenjährigen Isa Raschid Samuni. Er zeigte auf ein zerstörtes Haus und erzählte mir mit zitternder Stimme, was mit seiner Familie geschah. „Mein Vater, meine Mutter und einer meiner Brüder wurden getötet; nun habe ich nur noch einen verletzten Bruder.“ Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Als er fortfuhr, war ich überrascht von seinen Worten: “Was habe ich falsch gemacht? Was hat meine Mutter getan, so dass unser Haus über ihr zusammenbrach? Was hat mein kleiner Bruder getan? Ich vermisse sie alle und ich möchte bei ihnen sein.“ Bevor ich mit ihm sprach sah ich, wie er im Dreck spielte – trotz der Tragödie, die ihn ereilte, machte er das, was Kinder üblicherweise tun – spielen. Es ist entscheidend, dass die Welt Kindern wie Isa ihre Zukunft zeigt und ihnen das Gefühl gibt, wichtig zu sein – Gaza muss wieder ein Ort der Hoffnung und der Freude werden. Dienstag, 27.01.2009 Vor genau einem Monat vielen die ersten Bomben auf den Gazastreifen. Iman Abu Bakr, 21, befand sich gerade auf der Entbindungsstation eines Krankenhauses mit vielen anderen hochschwangeren Frauen. Sie kam einige Tage vor dem Geburtstermin, da ihr Kind per Kaiserschnitt geboren werden sollte. “Ich erhielt die Nachricht, dass ein Krieg ausgebrochen sei. Ich bekam mehr Angst, nicht nur vor der Geburt sondern vor dem Krieg und wie es meinem Kind gehen würde.“ Eine Stunde später kam Nada zur Welt, ein hübsches kleines Mädchen. Während eines Besuches in einer Notunterkunft traf ich eine Frau, die während der Bombardierungen vor 21 Tagen ihr Kind zur Welt brachte. Si e erzählte mir, sie konnte nicht in ein Krankenhaus gebracht werden, da die Angriffe sehr intensiv waren. Die Frauen in der Unterkunft halfen ihr bei der Geburt. Sonntag, 25.01.2009 Die Kinder gehen wieder in die Schule. Einige Schulen haben wieder geöffnet und die Schüler sind lernen wieder eifrig. Die Kinder Gazas sind mental stark, sie müssen es sein. Doch am Ende des Tages sind sie immer noch Kinder, wie stark können sie also sein? Auch die Universität hat wieder geöffnet, auch wenn vieles zerstört ist. Jeder hat Angst. Tausende Menschen kehren zu ihren zerstörten Häusern zurück ohne zu wissen, was die Zukunft für sie bereithält. Viele Familien schlafen derzeit in Zelten in den Trümmern ihrer Häuser – vielleicht in der Hoffnung zu hören, was mit ihnen geschehen wird. Islamic Relief wird die psychologische Unterstützung in den nächsten zwei Monaten ausweiten, wobei der Fokus auf den Kindern und ihren Familien liegt. Wir planen, mehr als 2 Millionen € für die psychologische Unterstützung, die Entfernung der Trümmer, den Wiederaufbau von Häusern und die Versorgung der Krankenhäuser mit Nahrungsmitteln einzusetzen. Freitag, 23.01.2009 Heute ging ich das erste Mal in diesem Jahr in die Moschee, um das Freitagsgebet zu verrichten. Ich nahm viele Leute in die Arme viele von ihnen hatte ich wochenlang nicht gesehen. Während einer Verteilung von Lebensmittelpaketen in einem Flüchtlingslager in Dschabaliya traf ich einen Vater namens Adel, der mit seiner Frau und zwei Kleinkindern dort Zuflucht gesucht hatte. Während der Unterhaltung berichtete er von seinem Leben vor den Angriffen; er war arbeitslos und arm. Adel ist einer von 1.3 Millionen Menschen in Gaza, die von internationaler Nahrungsmittelhilfe abhängig sind. Jetzt hat er kein Geld um eine Wohnung zu mieten. So wie Adel geht es tausenden Menschen im Gazastreifen. In vielerlei Hinsicht beginnt die richtige Arbeit mit dem Wiederaufbau des Gazastreifens. Das wahre Ausmaß der Zerstörung können wir erst jetzt begreifen, wo alle Gebiete erreichbar sind. Die UN meinte, der Wiederaufbau wird Millionen von Dollar kosten. Hilfsorganisationen können das nicht alleine bewältigen. Wir müssen die Menschen mit dem Nötigsten versorgen, mit Nahrungsmitteln, Wasser, Notunterkünften, Medizin und Decken. Die gesamte Welt muss helfen, Gaza wieder aufzubauen. Mittwoch, 21.01.2009 Heute fuhr ich in einen Ort namens Dschiban El-Rayad im Norden des Gazastreifens nahe der israelischen Grenze. Ich besuchte meinen Kollegen Alaa. Er entschied sich mit Beginn der Bodenoffensive, sein Haus zu verlassen, in dem er gemeinsam mit seinem Bruder und dessen Familie wohnte. Er ging mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Alaa bat seinen Bruder, er solle mit seiner Frau und den Kindern ebenfalls fliehen, doch die Angriffe wurden so intensiv, dass sie das Haus nicht mehr verlassen konnten. Alaa klingt erschöpft und er hält die Tränen zurück, als er mir erzählt, was passiert ist. Er beschreibt, wie sein Bruder, seine Schwägerin und die Kinder sich unter der Treppe versteckten, um sich vor den Bombardierungen zu schützen. Während der dreistündigen Feuerpause ging Alaas Schwägerin in die Küche, um etwas zu kochen und die Kinder gingen nach draußen. Eine Rakete traf das Haus – sie kam direkt durch das Fenster. Eines der Kinder, ein 17 Monate altes Kleinkind, wurde getötet. Die zweite Rakete traf Alaas Schwägerin in der Küche und verletzte Alaas Bruder und seinen Sohn. Es war so schwer, meinen Kollegen und Freund gebrochen und so traurig zu sehen. Ich half dem Islamic Relief Notfallteam bei der Verteilung von 1.000 Lebensmittelpaketen im Süden Gazas. Viele Familien kehren zu ihren Häusern von den Notunterkünften zurück. Wenn die Leute mich als Entwicklungshelfer erkennen, bitten sie mich, mit ihnen zu kommen und zu sehen, was von ihren Häusern übrig geblieben ist. Ich wurde zu einem kleinen Markt gebracht, der von Islamic Relief finanziert wurde. Der Besitzer erzählte mir, er erhielt einen Mikrokredit von uns um eine Existenzgrundlage aufzubauen. Er träumte immer von seinem eigenen Geschäft – nun hat er nichts mehr, den sein Markt wurde bei den Angriffen schwer beschädigt. Sonntag, 18.01.2009 Die Waffenruhe wurde ausgerufen und die Bombardierungen sind vorbei. Anfangs konnte ich es nicht glauben, da ich am frühen Morgen heftigen Beschuss hörte. Die Menschen, die ich heute traf, waren sehr traurig und erschöpft. Ich sah viele meiner Freunde und Kollegen wieder, zu denen ich mehr als 22 Tage keinen Kontakt hatte. Wir umarmten uns als hätten wir uns Jahre nicht gesehen. Dieser Konflikt zerstörte vieles in Gaza. Häuser, Moscheen, Schulen, öffentliche Einrichtungen und Straßen sind schwer beschädigt – doch am meisten die Herzen der Menschen. Ganze Familien wurden heimgesucht. Viele Frauen sind jetzt verwitwet. Viele Männer verloren ihre Frauen und Kinder. Islamic Relief möchte jetzt besonders die Waisen, Witwen und Witwer unterstützen, damit sie ihren Lebensunterhalt verdienen und die Ernährung ihrer Familien sicherstellen können. Wir verbrachten heute einen Großteil der Zeit mit der Verteilung von Hilfsgütern im Norden des Gazastreifens, in Bait Lahiya, Bait Hanun and Dschabaliya. Wir teilten Brot an hunderte vertriebene Menschen aus. In den letzten 22 Tagen schaffte es Islamic Relief in Gaza irgendwie weiterzuarbeiten, trotz der Gefahren, denen unser Team ausgesetzt war. Wir sind froh, denn niemand unserer Mitarbeiter wurde verletzt oder getötet, doch die Dinge, die sie sahen, werden alle sehr prägen. Islamic Relief bemüht sich sehr, das Leiden der verzweifelten Menschen in Gaza zu mindern. Wir statteten Krankenhäuser im Gazastreifen mit dringend benötigten medizinischen Geräten aus wie Herzschrittmacher, Tröpfe und Ambulanzen. Wir brachten ebenfalls Medikamente, Nahrungsmittel und Decken für die Verletzten und Vertriebenen. Heute lieferten wir drei großen Krankenhäusern lebensrettende Maschinen wie Reanimationsgeräte, Herzschrittmacher, Infusionspumpen, Ventilatoren und Operationsbesteck. Die Zerstörung ist groß und Islamic Relief wird Jahre brauchen, um den Menschen zu helfen, ihr Leben neu aufzubauen. Erst heute begreife ich vollständig, was wir alles tun müssen um Gaza wieder aufzubauen und das Leben der Menschen hier neu zu beleben – meine Leute und der Ort, den ich meine Heimat nenne. Freitag, 16.01.2009 Wir hörten, dass eine Waffenruhe beschlossen wurde, doch es geht weiter. Wir haben keinen Strom, daher benutzen wir Kerzen. Meine 11-jährige Nichte versucht wie alle anderen Kinder in Gaza, tapfer zu sein. Sie erzählte mir, sie habe keine Angst. Als ich sie fragte, wie sie sich fühlt, wenn sie die Schüsse und Bombardierungen hört, sagt sie, dass ihr kalt wird und der Lärm sie zittern lässt. Heute konnte ich mein Haus für einige Stunden verlassen und mit dem Islamic Relief Hilfsteam 1.700 Lebensmittelpakete an Menschen in 12 Notunterkünften von Gaza-Stadt verteilen. Außerdem konnten wir 1.600 Brot- und 1.500 Lebensmittelpakete in Rafah und Chan Yunis verteilen. Die Pakete enthalten Dosen mit Fisch, Fleisch und Gemüse und können 8 Menschen für drei Wochen ernähren. Donnerstag, 15.01.2009 Ich sitze in meinem Haus fest. Ich höre eine laute Explosion einige Meter entfernt. Der Beschuss wird intensiver und auch Raketen fallen. Ich sehe Rauch, der von einem Haus hinter mir aufsteigt. Das UNRWA Hauptgebäude ist sehr nah und mein Kollege erzählt mir, dass es getroffen wurde. Eigentlich sollte ich auf der Straße sein und Hilfsgüter gemeinsam mit dem Notfallteam an Krankenhäuser in Gaza verteilen. Gestern schafften wir es, Krankenliegen, Herzschrittmacher und einige andere Dinge wie Verbände, Spritzen, Einweghandschuhe zu fünf Krankenhäusern zu bringen. Wir wollten heute auch Lieferungen vornehmen doch mussten wir sie aussetzen. Die Bombardierungen sind zu intensiv. Die Hilfslieferungen werden über die Grenzen von Israel und Ägypten nach Gaza gebracht, doch die Menschen können die Nahrungsmittel und Medizin nicht entgegennehmen, da es nicht sicher ist, die Häuser zu verlassen. Heute ist Tag 20 der Angriffe. Jeden Tag hoffen wir, dass es der letzte Tag ist, doch die Angriffe gehen weiter und weiter und die Menschen sind depressiv und verängstigt. Wenn ich mit den Menschen rede, merke ich bei vielen, dass sie dem Tod schon gleichgültig gegenüber stehen, er ist sehr nah. Wenn ich nachts das Gebet spreche kann ich mich nicht selbst kontrollieren und weine die ganze Nacht. Am Morgen zwinge ich mich, die Verzweiflung abzuschütteln und mich bereit zu machen, den Menschen von Gaza zu helfen. Dienstag, 13.01.2009 Die Wasserversorgung in Gaza ist katastrophal. Diejenigen, die zu den Glücklichen gehören und noch Wasser in ihren Vorratsbehältern haben, versuchen so viel wie möglich aufzubewahren. Viele Wasserbehälter wurden während der Bombardierungen zerstört. Der Wassermangel verursacht Gesundheits- und Umweltprobleme. Vor einigen Monaten stellte Islamic Relief für das Hauptwasserpumpwerk Ersatzteile bereit. Das System ist alt und war bereits während der 18 Monate andauernden Blockade heruntergekommen. Heute brachten wir Trinkwasser zu hunderten Menschen in acht Notunterkünften. Viele der Zufluchtsorte sind überfüllt und Zugang zu Trinkwasser gibt es nicht. Jede Person erhielt 20 Liter Wasser. Im Moment reagiert unser Hilfsteam auf das, was um uns herum geschieht. Doch uns ist bewusst, dass Gaza langfristige Hilfe von außen benötigt um die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen. Die Menschen in Gaza brauchen noch länger um von den physischen und psychischen Schäden zu genesen. Montag, 12.01.2009 Ich konnte mein Tagebuch für zwei Tage nicht schreiben – ich hatte einfach keine Zeit, da ich mit meinen Kollegen tausende Lebensmittelpakete für die verzweifelten Menschen packte. Ich frage mich manchmal, ob es überhaupt genug Platz gibt um all die Toten zu begraben. Gestern wurde ein Freund von mir in seinem Haus getötet. Er war Journalist und arbeitete für einen Radiosender. Seit dem Beginn der Gefechte habe ich einige gute Freunde verloren – und wenn Sie mich fragen, wie ich mich fühle – ich kann es gar nicht sagen, denn ich versuche es wegzuschieben und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Islamic Relief erhielt viele Anrufe von Menschen, die Nahrungsmittel und Decken brauchen. Wir verteilen diese Dinge an sie nebenbei. Ich bin erschöpft, wie jeder hier. Doch ein Entwicklungshelfer hat keine andere Wahl als durchzuhalten. Freitag, 09.01.2009 Heute konnte Islamic Relief nichts verteilen, denn die Bombardierungen waren so heftig, dass große Teile Gazas unter einer dicken Schicht Rauch verschwunden sind. Gestern konnten wir 1.000 Lebensmittelpakete an lokale Hilfsorganisationen weitergeben, die uns halfen, verzweifelte Familien zu erreichen. Jedes Paket enthält genug Nahrungsmittel, um eine achtköpfige Familie einen Monat lang zu ernähren. Der Gesundheitssektor in Gaza bricht zusammen. Die Ärzte in den Krankenhäusern müssen die Schwerverletzten wieder nach Hause schicken – es gibt einfach zu wenige Betten. Islamic Relief besucht die Krankenhäuser regelmäßig und versorgt sie mit medizinischen Geräten. Doch was wird erst geschehen, wenn der Treibstoff ausläuft und die Generatoren nicht mehr funktionieren? Wenn ich mich setze um meine Gedanken zu sammeln und einige Zeilen in mein Tagebuch zu schreiben, ist mein Kopf manchmal einfach leer. Es ist so schwer, das Ausmaß des Leidens hier in Gaza zu begreifen. Oft fehlen mir die richtigen Worte um das Geschehen zu beschreiben. Donnerstag, 08.01.2009 Während ich dieses Tagebuch schreibe erfahre ich, dass eine palästinensische Familie in einem Flüchtlingslager im Norden Dschabaliyas bei einem Bombenangriff auf ihr Haus getötet wurde. Jedes Kind, das getötet wurde, liebte es zu spielen, wie jedes andere Kind auf der Welt. Jedes Kind, welches starb, hatte eine Familie, die es liebte. Unser Hilfsteam erfuhr heute auch, dass die Väter von drei Kindern, die an unserem psychologischen Unterstützungsprogramm teilnehmen, getötet wurden. Nun sind sie Waisen. 2.000 Kinder nehmen an dem Programm teil. Unser Ziel ist es, die Kinder bei der Verarbeitung des Erlebten und ihrem Verlust von Familienmitgliedern zu helfen. Ich frage mich, welchen Einfluss der Verlust ihrer Väter auf diese drei Kinder längerfristig hat. Doch es gibt auch gute Nachrichten. Wir konnten die Verteilung von Hygieneartikeln und Decken an drei der UNRWA Schulen fortsetzen. Außerdem bereiteten wir eine Liste mit benötigten Medikamenten für die Krankenhäuser vor und versuchen einen Weg zu finden, die Medizin nach Gaza bringen zu lassen. Mittwoch, 07.01.2009 Heute hatten wir einige Stunden Ruhe. Für drei Stunden konnten wir Hilfsgüter verteilen ohne Angst vor Beschuss zu haben. Ein Islamic Relief Team besuchte die Kinderklinik um die Ärzte mit medizinischen Gegenständen wie Operationsbesteck, Verbänden, Scheren und anderen Geräten auszustatten, die ständig benötigt werden. Außerdem brachten wir Seife und andere Hygieneartikel sowie Decken zu den Unterkünften der UN. Die Menschen waren froh, Entwicklungshelfer zu sehen, die ihnen Hilfsgüter bringen. Insbesondere freuten sie sich über die Decken, denn es ist sehr kalt in Gaza. Wir besuchten auch ein Gebäude in der Nähe des Internationalen Roten Kreuzes, in dem 200 Menschen untergekommen sind. Viele Leute fragten mich, ob ich ihnen sagen könne, wo es sicher sei. Ich konnte ihnen keine Antwort geben. Derzeit berät unser Team, wie wir mehr Hilfsgüter nach Gaza bringen und die Dinge verteilen können. Dienstag, 06.01.2009 Ein Team von Islamic Relief besuchte eine der UN Schulen, welche als Notunterkunft für Familien umgebaut wurde, die vor den Bombardierungen geflohen sind. Die Menschen, die ich dort traf befanden sich genau in der Feuerlinie und mussten ihre Häuser verlassen. Ich war überrascht, so viele Frauen und Kinder in der Schule zu sehen – und besorgt. Unser Islamic Relief Team entschied sich, den Menschen hier Nahrungsmittel zu bringen, wir haben keine andere Wahl – egal wie gefährlich die Situation auch ist. Montag, 05.01.2009 Bereits den zweiten Tag konnten wir die Hilfsgüter nicht ausliefern. Die Sicherheitslage wird Stunde um Stunde schlimmer, es ist sehr schwierig draußen auf den Straßen Hilfsgüter zu verteilen. Jeden Tag denken wir, es kann nicht schlimmer werden – doch es wird schlimmer. Ich frage Sie, können Sie sich vorstellen wie es Ihnen und ihren Lieben ginge, wenn Sie wenig Nahrungsmittel, Wasser und keinen Strom haben? Und die ganze Zeit hören Sie Explosionen – Bomben, Raketen und Feuer überall. Sonntag, 04.01.2009 Der Moment, den wir alle fürchteten, ist gekommen – Bodentruppen in Gaza. Zum ersten Mal musste ich mich mit meiner Familie im Keller vor den Bomben und den Schüssen verstecken. Es ist schlimmer als der Luftangriff – alles ist so nah. Islamic Relief Worldwide wollte heute Hilfsgüter ausliefern, doch die Situation auf den Straßen von Gaza ist zu gefährlich. Stattdessen bereiteten wir Hilfslieferungen für die Krankenhäuser vor. Samstag, 03.01.2009 Die Bodenoffensive begann und niemand weiß, was als nächstes geschehen wird. Über 50 Kinder starben in der letzten Woche in den Gefechten. Die Schulen sind geschlossen und die Schüler können ihre Prüfungen nicht ablegen. Morgen am Sonntag planen wir, Decken und Lebensmittelpakete an drei Notunterkünfte, die in Schulen eröffnet wurden, zu verteilen. Dort wurden Familien untergebracht, die aus dem Grenzgebiet evakuiert wurden. Freitag, 02.01.2009 Der Beschuss geht weiter und ich hoffe, es ist bald vorbei, so dass die Menschen ihre Toten begraben können. Es gibt gute Nachrichten. Einige Hilfslieferungen kommen von der israelischen Grenze nach Gaza, das gibt dem Islamic Relief Notfallteam wieder Energie. Wir hoffen, unsere Arbeit vor Ort ausweiten zu können und mehr Menschen in den nächsten Tagen mit Hilfsgütern zu erreichen. Donnerstag, 01.01.2009 Trotz der Gefahr erhöht unser Islamic Relief Team die humanitäre Hilfe – wir haben keine andere Möglichkeit. An diesem Morgen brachten wir vier Lastwagen mit Nahrungsmitteln zum Hauptkrankenhaus Shifa in Gaza. Während wir die Nahrungsmittel noch verteilten, wurden neue Verletzte ins Krankenhaus gebracht. Die Lebensmittelpakete enthalten Mehl, Reis, Bohnen, Dosenfleisch und Fisch. Islamic Relief versorgte außerdem die Lager der Krankenhäuser mit Nahrungsmitteln. Vier große Lastwagen wurden dafür beladen. Die Lebensmittel reichen zirka für einen Monat. Vor den Bäckereien sind lange Schlangen zu sehen, die Menschen stellen sich stundenlang hin und warten, um ein bisschen Brot zu kaufen. Es ist gefährlich, denn die Bomben können jeden Augenblick einschlagen und draußen sind die Menschen völlig ungeschützt. Gaza ist dicht besiedelt und die Wohnhäuser sind nah an die Regierungsgebäude gebaut. Wenn Bomben einschlagen, wird alles beschädigt. Mittwoch, 31.12.2008 Die Nahrungssicherung wird zu einem ernsthaften Problem. Erst vor zwei Wochen stellte die UNRWA die Verteilung von Lebensmitteln ein, denn Nahrungsmittel wurden knapp. Die Lebensmittel, die von Islamic Relief, der UNO und anderen Hilfsorganisationen bereitgestellt werden, gehen langsam aus. Die Familien wissen nicht mehr, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Dienstag, 30.12.2008 Die Intensität der Bombardierung belastet mich – aber ich bin ein erwachsener Mann, wie geht es also erst den Kindern? Die Sicherheitslage verschlimmert sich. Meine Kollegen und ich gehen zum Islamic Relief Büro – mit dem Auto zu fahren ist zu unsicher. Wir rufen im Büro an, sobald wir unsere Häuser verlassen. Während des Weges zur Arbeit melden wir uns an bestimmten Punkten viermal im Büro. Sind wir im Büro angekommen, rufen wir sofort zu Hause an um unsere Familien zu beruhigen. Sonntag, 28.12.2008 Wir arbeiten rund um die Uhr um möglichst viele Medikamente und medizinische Güter zu den Krankenhäusern zu bringen. Wir bemühen uns, die Güter von unseren lokalen Zulieferern zu erhalten und aus unserem Lager zu nehmen. Doch wenn wir nicht bald Lieferungen von außen bekommen, werden uns unsere Vorräte ausgehen. Gestern brachten wir fünf Lastwagen mit Hilfsgütern zum Gesundheitsministerium in Gaza, von dort wurde alles in fünf Krankenhäuser gebracht. Wir trafen uns gerade mit der UNO und anderen Hilfsorganisationen um die Verteilung der Hilfsgüter zu koordinieren. Samstag, 27.12.2008 Ich lebe im Zentrum von Gaza Stadt in der Nähe eines Polizeigebäudes, welches eines der ersten Ziele war, die bombardiert wurden. Innerhalb von 30 Minuten war das Krankenhaus überfüllt mit Verletzten. Es gab keinen Platz mehr, doch es kamen immer mehr Opfer. Die Toten lagen im Krankenhausflur. Islamic Relief bemüht sich sehr, Medikamente und medizinische Einweggegenstände zu den Krankenhäusern zu bringen. Wir sprachen mit der Leitung des Shifa Krankenhauses, welche Dinge die Ärzte jetzt benötigen. Nun liefern wir ihnen Spritzen, Schwämme, sterile Handschuhe und andere Dinge.
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