15. März 2009
In der Gegend befanden sich Olivenbäume und die größte und modernste Hühnerfarm des Gazastreifens, die sich über das gesamte Gebiet erstreckte. Doch nun liegt alles in Trümmern; keine Anzeichen von fruchtbarem Boden oder Vegetation sind zu erkennen. Einige Hühner picken sich ihren Weg durch den Schutt, doch mehr als tausend sind tot; ihre steifen weißen Körper versprühen einen beißenden Verwesungsgeruch.
Trotz dieser trostlosen Umgebung gibt es erste Anzeichen, dass die Menschen ihr Leben wieder neu beginnen. Die Anwohner erzählen, 29 Menschen seien auf dem Zaitun Gelände getötet worden und all jene, die noch leben flohen, um bei Verwandten Schutz zu suchen. Inzwischen kehren die Leute zurück und vereinzelt sieht man provisorische Zelte. Nicht mehr als ein paar Decken, die mit hölzernen Heringen befestigt werden und doch ist es ein Zeichen, trotz der Umstände, dass die Bewohner sich diesem Ort nach wie vor verbunden fühlen.
Eine Planierraupe bahnt sich einsam ihren Weg durch die Trümmer. Doch für eine Frau geht die Beseitigung nicht schnell genug. Ghalya Al Samouni, 43 Jahre alt, hat ihre eigenen Pläne. Lediglich mit einer Schaufel bewaffnet, möchte sie ganz alleine ihr geliebtes Haus aus den Trümmern wieder aufbauen. „Als die Bomben fielen, drängten wir uns unter Matratzen zusammen, mein Mann, meine beiden Söhne und ich. Wir waren sehr verängstigt, doch wir wollten nicht fliehen. Wir beschlossen, es gebe kein besseres Leben für uns als hier. Es ist gut wenn wir bleiben, auch wenn wir sterben sollten. Ehrlich gesagt bin ich überrascht noch zu leben.“
Ghalya pflanzte in ihrem Garten Bohnen und Gewürze an, um zur Versorgung ihrer Familie beizutragen. Das Haus war umgeben von Weinreben und sie glaubte, es würde ihrer Familie ein bisschen Schutz bieten – jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Ghalya schaufelte schon eine kleine Stelle mit ihren bloßen Händen frei und schaufelte die Erde zur Seite. Sie ist schon so weit gelangt, dass der Umriss des Fundaments erkennbar ist, aber es ist eine sehr schwere Arbeit. „Ich bin so müde”, sagt sie. „Als unsere Verwandten hierher kamen, um uns zu suchen, nachdem die Soldaten den Ort verlassen hatten, entdeckten sie uns wie wir auf dem Boden saßen und ins Nichts starrten. Wir waren einfach geschockt.“
Ghalyas Nachbarin Ghadeer, 22 Jahre alt, sitzt auf den Überresten ihres ehemaligen Hauses. Sie kommt jeden Morgen zum Sonnenaufgang hierher und bleibt bis zur Dämmerung sitzen. Ihr Baby ist erst einen Monat alt und sie würde es nie schaffen, ein Haus zu bauen. Abends ist sie bei ihrer Großfamilie, doch tagsüber zieht sie es vor, auf dem Platz zu sitzen, der einmal ihr Zuhause gewesen war. „Am ersten Tag meiner Rückkehr wusste ich nicht, welches mein Haus ist”, erinnert sie sich. „Ich wurde sehr traurig, lief herum - alles war zerstört - und schließlich sah ich einen Haufen Steine, die orange bemalt waren. Da wusste ich, es ist mein Haus – denn wir hatten das Badezimmer orange gemalert.“ Ghadeer erzählt mir, der zusammengefallene Beton auf dem wir sitzen, sei ihr ‚Wohnzimmer’.
Der psychische Zustand derjenigen, die nach Zaitun zurückkehren, ist stabil, doch Ärzte befürchten, dass sie sich selbst gefährden. „Der Katastrophe des Krieges im Gazastreifen folgt eine Katastrophe des öffentlichen Gesundheitssystems“, sagt Dr. Jihad El Hissi vom Shifa Krankenhaus in Gaza-Stadt. „Vor den Angriffen behandelte ich 10 Patienten pro Tag, die Magen-Darm-Beschwerden hatten, jetzt sind es täglich 50.“ Sein Kollege Dr. Ahmed Al-Lily erzählt, es gebe nicht genügend sauberes Wasser, die sanitären Bedingungen seien aufgrund des beschädigten Abwassersystems ungenügend; der Nahrungsmittelmangel und die Verbreitung von Krankheiten sind seine größten Sorgen. „Viele der Leute, die ihre Häuser selbst wieder aufbauen, sind Bauern. Doch ihr totes Vieh liegt überall herum und die Gefahr sich zu infizieren, ist sehr groß.“ Er erklärt, das öffentliche Bewusstsein für die Wichtigkeit von sauberem Wasser ist zwar vorhanden, insbesondere durch groß angelegte Gesundheitsprojekte, die von Organisationen wie Islamic Relief durchgeführt werden. Wenn jedoch kein sauberes Wasser verfügbar ist, trinken die Menschen natürlich, was sie finden. „Gestern kaufte ich ein Barrel Wasser”, erzählte er mir. „Als ich es mit nach Hause zu meiner Familie nahm, bemerkte ich, dass es salzig war. Das Meer ist sehr verschmutzt und verursacht eine Krankheitsspirale.“
In Zaitun legt Ghalya ihre Schaufel auf den Boden und streicht sich erschöpft mit der Hand über ihre Stirn. Sie meint, niemand kann der Angst oder den folgenden Mühen entfliehen. „Ich habe überlebt während so viele meiner Mitmenschen starben“, sagt sie bevor sie mit einer verunsicherten Stimme fragt: „Doch welche Bedeutung hat das Leben noch?“